Lesepredigt

Lesepredigt zum 1. Advent (27.11.2022)

 

Predigt zu Offenbarung 3,14-22

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.

 

Schreiben Sie eigentlich noch die traditionelle Weihnachtskarte an die entfernten Verwandten und Bekannten? Für mich gehört es zu einer festen Tradition jedes Jahr kurz vor Weihnachten an meine Liebsten mit einer Karte zu denken. Selbst in dieser Zeit, wo man im Bruchteil einer Sekunde Nachrichten um die ganze Welt verschicken kann. Das persönlich aufgeschriebene Wort hat doch noch eine ganz andere Bedeutung als die Nachrichten, die man tagtäglich mit dem Smartphone in die Welt setzt. Es ist ein ganz wunderbares Gefühl, wenn man dann eine solche Karte bei sich im Briefkasten findet. Endlich mal nicht die übliche Werbung, die Rechnungen und Versicherungsschreiben, sondern eine handgeschriebene Karte, die mir zeigt, dass sich jemand Zeit für mich genommen hat. Ich liebe es solche Karten zu schreiben und zu bekommen. In den Karten stehen dann meist die allgemeinen Weihnachtsgrüße, ein paar Details wie dieses Jahr gefeiert wird, liebe Grüße an alle – nette Worte, die gegenseitige Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Eine der vielen Traditionen, die das große Fest so schön machen.

Nun stellen sie sich aber vor, Sie würden eine ganz andere Art von persönlichen Schreiben erhalten. Ein Schreiben an sie adressiert, aber nicht mit freundlichen, vielleicht auch belanglosen Worten, sondern mit Worten, die es in sich haben. Das Schreiben könnte folgendermaßen losgehen:

 

Es wird Zeit, dass wir uns die Wahrheit sagen und ehrlich zueinander sind. Es ist keine Zeit mehr für Belanglosigkeiten und Oberflächliches. Ich habe das Gefühl, dass du dein Leben verschwendest und Ohren und Augen vor dem wirklich Wichtigen verschließt. Du machst dir selbst etwas vor und hältst dich für glücklich in deinem Wohlstand, so als würdest du nichts und niemanden im Leben brauchen. In meinen Augen ist das ein verlogenes Leben. Ich schreibe dir das so klar und schonungslos, weil du mir wichtig bist und unsere Beziehung auch. Und weil ich hoffe, dass du den Mut hast, dein Leben einmal mit offenen Augen anzuschauen und zu sehen, wie weit du dich von dem entfernt hast, das auch dir einmal wichtig war. Gerne möchte ich mit dir darüber reden – ganz offen und ehrlich, versteht sich! – und dich unterstützen, wenn du wirklich bereit bist, etwas an deinem Leben zu ändern. Ich hoffe, du verstehst, was ich dir sagen will, und grüße dich herzlich.

 

Was würden Sie machen, wenn Sie einen solchen Brief erhalten? Den Brief wütend ins Altpapier werfen? Sich fragen, was dem Anderen einfällt in einem solchen Ton mit Ihnen zu reden? Oder legen sie den Brief erstmal irritiert und schockiert zur Seite? Und dann lesen Sie vielleicht den Brief nach einiger Zeit nochmal, wieder und wieder, und irgendwann jenseits des Ärgers und des Schocks erkennt man: Da meint es jemand ernst mit mir?

 

Es kommt im Leben selten vor, dass so ernste Töne angeschlagen werden, so schonungslos Dinge an- und ausgesprochen werden. Der Predigttext ist ein solches Schreiben, dass kein Blatt vor dem Mund nimmt. Der Seher Johannes schreibt einen harten, irritierenden, ja schockierenden Brief an die Gemeinde in Laodizea, einer wohlhabenden Stadt im heutigen Gebiet der Türkei. Wahrscheinlich haben die Menschen in Laodizea den Brief auch erstmal wütend zur Seite gelegt. Und dann doch wieder und wieder gelesen. Sind darüber ins Nachdenken und ins Gespräch gekommen …

 

In dem Brief schreibt jemand, der aufrütteln und zur Umkehr rufen will. Denn wie viele Menschen seiner Zeit war er der Überzeugung, in einer Endzeit zu leben, die den Untergang der alten Welt und eine völlige Neuschöpfung zur Folge hätte. Bevor das geschieht, sollen möglichst alle zum Glauben gekommen sein – daher soll die Gemeinde aufgerüttelt werden. Johannes schreibt als Gefangener, verfolgt wegen seiner Religion und als jemand, der nichts mehr viel zu verlieren hat – da fällt es vielleicht leichter solche ernsten Töne anzuschlagen. Aus der Distanz und der erzwungenen Tatenlosigkeit in der Gefangenschaft ergibt sich aber auch ein scharfer Blick. Er schreibt, was er von der Gemeinde gehört hat und deutet dies im Horizont der Botschaft Jesu.

So erhält die Gemeinde in Laodizea dieses persönliche Schreiben. Laodizea war damals ein bedeutendes Handelszentrum. Es ließ sich gut leben in der Stadt, die Menschen waren wohlhabend und selbstbewusst. Schon früh hat sich dort eine christliche Gemeinde gegründet. An diese Gemeinde wendet sich Johannes in seinem Brief. Er wendet sich ausdrücklich an die Gemeinde, es geht ihm um die Christinnen und Christen dort. Sie packt er hart an. »Ihr seid lau«, sagt er: Nicht heiß, nicht kalt. Nicht frisch, nicht feurig. Stattdessen: langweilig, bequem, unentschieden, eben lau.

 

Worte, die uns auch heute treffen, wenn wir auf unsere Kirche und unsere Gemeinden schauen. Wie würden wir heute dastehen, wenn der Seher Johannes seinen scharfen Blick auf uns werfen würde? Allein schon die Statistiken würden ihn nachdenklich stimmen: Kaum Menschen, die in die Kirchen gehen. Hauptamtliche, die unter Überarbeitung leiden. Eine Kirche, die versucht in der Welt ihre Relevanz bei politischen Themen zu behaupten – so wie etwa vor kurzem, als man ein Tempolimit 100 auf Autobahnen für kirchliche Mitarbeiter beschloss. Eine Kirche, die dabei manches mal vergisst, dass es Jesu Worte vom ewigen Leben sind, die kein anderer in dieser Welt verkünden kann. Gerade heute fordert uns dieser Blick auf die Situation von Kirche und Gemeinden heraus, wenn wir einen neuen Kirchengemeindeart wählen und als Gemeinde wieder neu entscheiden müssen, welche Wege wir in Zukunft gehen werden. Würde der Seher Johannes heute auf unsere Kirche schauen, dann würde ihm wohl vieles Anlass geben, dass er auch uns ein laues Christentum nennt.

 

Die Gemeinde in Laodizea bleibt gelassen, wenn Johannes ihnen vorwirft, dass sie lau seien: »Wir sind reich und brauchen nichts«.

Das ist jämmerlich, armselig, ihr seid doch blind, kontert Johannes. Wie könnt ihr nur glauben, dass euer Reichtum euch Sicherheit gäbe, wie könnt ihr nur denken, ihr könntet euch allein helfen, wie könnt ihr nur verkennen, dass jeder Mensch auf Mitmenschlichkeit, Hilfe und Barmherzigkeit angewiesen ist! Wie schnell kann ein Reicher arm werden und ein Starker schwach. Johannes spielt mit den Begriffen, die den Wohlstand und das Ansehen der Stadt ausmachen – und mit diesem scharfen Blick auf die Gemeinde und ihre Situation stellt er auch uns vor die unbequemen Fragen in dieser Zeit. Momentan erleben auch wir, wie schnell der vermeintliche Wohlstand bedroht ist, wenn durch Krieg, Inflation und Wirtschaftskrise die Preise steigen und sich die sozialen Unterschiede in unserem Land deutlicher zeigen als je zuvor. Die momentane Situation fordert uns heraus und wird uns weiter fordern. Wie werden wir als Christinnen und Christen auf die momentane Zeit reagieren?

Eine Zeit, in der bald wieder neue Flüchtlinge zu erwarten sind, weil der Krieg weiterhin in der Ukraine und in so vielen Ländern der Welt tobt. Krieg, der Menschen zur Flucht zwingt und uns vor die Frage stellt, ob wir christliche Nächstenliebe nicht nur mit den Lippen bekennen, sondern auch leben.

Eine Zeit, in der die Inflation dafür sorgt, dass schon jetzt viele Menschen hier vor Ort nicht mehr so frei ihr Leben gestalten können, wie sie es gewohnt sind, wo immer mehr Menschen verzichten müssen, weil sie es sich nicht mehr leisten können – Wie viel Solidarität sind wir bereit im eigenen Land aufzubringen? Sind wir bereit einen Ausgleich zugunsten der Einkommensschwächeren hinzunehmen oder bestehen wir auf das Recht des Stärkeren, der am Ende schon wissen wird, was für alle am besten ist?

Auch an uns könnte der Seher Johannes harte Worte richten. Könnte uns fragen, ob wir verantwortungsvoll mit dem Wohlstand umgehen.

 

Nach diesen harten Worten, ändert sich der Ton des Briefes. »Weil ich euch liebe, weise ich euch zurecht«, schreibt Johannes im Namen Jesu. Und schließlich: »Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.« Derjenige, welcher der Gemeinde in Laodizea diese harten Anschuldigungen zumutet, will sie damit nicht fertig machen. Ganz im Gegenteil: Plötzlich wird er zum Bittsteller. Er möchte eingelassen werden und Gemeinschaft haben. So, wie der Schreiber oder die Schreiberin des fingierten Briefs zu Anfang der Predigt am Ende sagt: Mir liegt an dir. Lass uns wirklich ins Gespräch kommen. Lass uns echte Gemeinschaft haben.

 

»Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.« - Ich stelle mir vor, wie Jesus vor unseren Türen steht und anklopft und so gerne eintreten möchte, aber wir lassen ihn nicht ein. Vielleicht hören wir sein Klopfen schon gar nicht mehr. Wir in der Kirche, in unseren Gemeinden, auch in unserem persönlichen Glaubensleben. Es gibt viel Lauheit in den Gemeinden und ja: auch in meinem Leben.

 

Was wir da heute gehört haben ist keine fröhliche Weihnachtskarte – es ist ein sehr persönlicher und aufrüttelnder Brief, der uns zum 1. Advent gegeben ist. Aber vielleicht ist es ein guter, ein wichtiger Brief, den wir nicht sofort wütend ins Altpapier werfen sollten, weil er nicht zu den fröhlichen Weihnachtskarten passt, die wir mit dieser Zeit verbinden. Denn hier schriebt jemand, der sich ernsthaft um die Gemeinde abmüht, der dafür bereit ist auch einmal auf die unbequemen Wahrheiten zu schauen. Kann nicht gerade die Zeit bis Weihnachten gut geeignet sein, um darüber nachzudenken, wie wir dem die Tür öffnen, der da kommt: Jesus? Dem, der immer wieder kommen will, der immer neu anklopft und bittet, dass wir ihn wirklich in unser Leben und in unsere Gemeinde einlassen und uns mit ihm auf die Suche nach einem Leben machen, das ihm dient und nachfolgt. Er will sich mit uns zu Tisch setzen und mit uns ins Gespräch kommen über die Wahrheit, für die er gestorben ist und für die wir leben.

So wünsche ich mir, dass wir bei all der Vorfreude auf das Fest und den schönen Traditionen, die dazu gehören, auch etwas Zeit finden über die ernsten Fragen unserer Zeit nachzudenken und zu überlegen, welche Antworten sich aus unserem Glauben an Christus ergeben.

 

Amen.