Lesepredigt

Lesepredigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias (09.01.2022)

 

Predigt zu Jesaja 42,1-9 - Hoffnungsworte in schweren Zeiten

 

 

Das schaffe ich nicht alleine – diesen Satz hat wohl jeder schon einmal in seinem Leben für sich gedacht oder laut in die Welt hinausgeschrien. Das schaffe ich nicht alleine – das alles wird mir hier gerade zu viel, so denkt man, wenn man in tiefster Verzweiflung steckt. Bei einem unerwarteten Todesfall, einer schweren Krankheit, die einem selbst oder einen der Liebsten getroffen hat, wenn man um den Arbeitsplatz bangen muss…zahlreiche solcher Beispiele der tiefsten Verzweiflung lassen sich aufzählen. Am Ende steht das Gefühl allein und überfordert zu sein mit all den Problemen und Gefühlen, die da auf einen einprasseln. Die heute gehörten Worte des Propheten Jesaja an das Volk Israel stammen auch aus so einer Zeit der tiefsten Verzweiflung.

Das Volk Israel lebt im Exil, seit nunmehr 40 Jahren und die Hoffnung auf ein Ende dieser Situation schwindet immer mehr. Längst sind nicht mehr alle da, die einst von den siegreichen Babyloniern in das fremde Land verschleppt wurden und mit Tränen in den Augen sehen mussten, wie der Tempel, der Ort an dem Gott selbst den Menschen ganz nahekommt, in Flammen stand und die einst so schöne und stolze Stadt Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Einer derjenigen, die sich noch erinnern können ist Elia. Damals, als der Krieg tobte, war er ein junger Mann von Anfang 20, nun zählt er zu den Ältesten in der Gemeinschaft, die an den Flüssen Babylons ihr Schicksal beweinen. Wegen seiner handwerklichen Fertigkeiten als Steinmetz wurde er einst von den Babyloniern ausgewählt, um in der Fremde die Paläste und Tempel für die neuen Herrscher zu errichten. Immer, wenn er ein Gebäude fertiggestellt hat, muss er daran denken, wie seine geliebte Heimat brach liegt. Erinnerungen kommen dann in ihm hoch, wie das wunderschöne Jerusalem in Flammen aufging und zerstört wurde. Die Propheten haben dies einst angekündigt, aber damals wollte ihnen niemand Glauben schenken. Heute treten nun neue Propheten auf und verkünden im Namen Gottes das genaue Gegenteil: Es soll eine Rückkehr in die alte Heimat geben. Aber Elia hat die Hoffnung auf eine Rückkehr schon lange aufgegeben und sich irgendwie in der Fremde eingerichtet, die sich für ihn immer noch wie ein finsterer Kerker ohne Ausweg anfühlt. Seine Kinder und Enkelkinder kennen die alte Heimat nur noch aus Geschichten. Er geht mit ihnen den Bräuchen so gut er eben kann nach, aber es ist nicht dasselbe wie in der Heimat und er fürchtet, dass seine Familie den Glauben an den einen Gott bald aufgeben wird, um sich noch besser in der Fremde zu integrieren. Er selbst hatte am Anfang noch große Hoffnungen, aber diese Hoffnung ist für immer verloschen. Geblieben ist das Gefühl nichts ausrichten zu können, der Situation hilflos ausgeliefert zu sein und bald allein zu sein mit den Erinnerungen an die alte Heimat und dem Glauben an den einen Gott. Gerade als seine Gedanken wieder abschweifen und er sich mit Tränen in den Augen an all das zurückerinnert, was er über die Jahre verloren hat, denkt er an die Worte eines dieser Propheten, die von der Rückkehr predigen:

 

1Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.

3Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.

 4Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

5So spricht Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen:

6Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand. Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund und Licht für das Volk,

7dass die Gefangenen aus dem Gefängnis geführt werden und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.

8Ich, der Herr, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben.

9Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es sprosst, lasse ich’s euch hören.

 

Große Worte sind das, denkt sich Elia. Ein Knecht von Gott erwählt, der Recht und Gerechtigkeit bringt. Ein Knecht, der im Namen Gottes neue Hoffnung verspricht und sie aus diesem finsteren Kerker des Exils befreit. Ein Knecht, der Neues schafft. Ein Knecht, der den schwachen Funken der Hoffnung nicht auslöschen, sondern zu einem hellstrahlenden Licht entfacht. Wie gerne würde Elia glauben, was er da hört – und tatsächlich schaffen es die Worte ihn daran zu erinnern, dass er ja nicht allein ist, sondern er Gott an seiner Seite weiß, auch wenn es sich für ihn schon lange nicht mehr so anfühlt. Er erkennt, dass es Gott scheinbar doch gut mit ihm in der Fremde gemeint hat, wenn er etwa an seine geliebte Familie denkt. Er fasst neue Hoffnung, dass Gott vielleicht doch noch etwas bewegen wird und tatsächlich seinen Knecht schickt, der ihn und alle anderen, die zu Unrecht verschleppt wurden aus dieser Situation befreit…

 

Wir wissen nicht, wer der Knecht ist, den Gott durch seinen Propheten ankündigen ließ, aber wir wissen, dass die Hoffnungsbotschaft sich bewahrheiten sollte. Israel wurde aus dem Exil befreit und zurück in die Heimat geführt. Entgegen aller Erwartungen gelang das, womit wohl niemand mehr in der Stunde der tiefsten Verzweiflung gerechnet hätte. Die Hoffnungsworte waren den Menschen von einst dabei ein starker Trost und treuer Begleiter in einer Zeit, in der man dachte, dass es nicht mehr weitergehen würde. In einer Zeit, als viele sich so wie Elia gefühlt haben und still für sich oder laut für alle hörbar gesagt haben: Das wird sich für uns nicht mehr aus eigener Kraft ändern – aus dieser Situation gibt es keinen Ausweg und wir sind allein gelassen.

Gott steht seinem Volk zur Seite und bringt es zurück in die Heimat – so verweisen die Hoffnungsworte von einst auf das, was wir vor kurzem an Weihnachten gefeiert haben: Gott will uns nahe sein und lässt uns nicht allein in unserer Not und Verzweiflung. Diese große Botschaft haben wir an Weihnachten gefeiert, als wir uns erinnert haben, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist. Dieses große Ereignis ist nun schon wieder zwei Wochen her und vielleicht fragen Sie sich, wo diese große Botschaft heute in unserem Alltag ist. Erscheint Gott etwa einmalig mit großem Licht und lässt uns dann allein zurück in der Finsternis?

So ist es nicht. Der heutige Sonntag erinnert uns daran, dass Gott uns zur Seite steht. So wie er seinem Volk Israel zur Seite stand in den Zeiten der Verzweiflung und Not, so will Gott uns auch heute zur Seite stehen in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Dabei ist Gott selbst Mensch geworden, ist uns in Jesus von Nazareth erschienen und wir, die wir hier versammelt sind, wissen Gott an unserer Seite. Nicht wie beim Propheten Jesaja angekündigt in der Gestalt eines einmalig erscheinenden Knechtes, sondern in der Gestalt von Jesus, der uns stets zur Seite steht und zu dem wir uns bekannt haben. Sichtbares Zeichen dieser Zugehörigkeit ist die Taufe, von der wir heute im Evangelium gehört haben. Die Taufe ist das sichtbare Zeichen, dass wir in Gemeinschaft mit Gott leben und dieser uns in Jesus ganz nahegekommen ist. Es tut gut sich daran zu erinnern, dass wir Gott an unserer Seite haben, wenn man sich in einer Situation tiefster Verzweiflung befindet, gerade nicht weiß wie es weitergehen soll und am Ende resigniert feststellt: Das schaffe ich nicht alleine. Wir sind getauft auf Gottes Namen - wir sind nicht allein, sondern leben in Gemeinschaft mit Gott. So erinnere ich mich heute besonders an meinem Taufspruch, ein starkes Hoffnungswort Gottes, ebenfalls überliefert vom Propheten Jesaja:

 

„Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.“

 

Hoffnungsworte, an die ich schon oft in meinem Leben denken musste, wenn die Aufgaben, die vor mir lagen unüberwindbar schienen. Hoffnungsworte, die mich getröstet haben, als ich Abschied von geliebten Menschen nehmen musste. Hoffnungsworte, die mir gezeigt haben, dass ich nicht allein bin, auch wenn es sich manches Mal im Leben so anfühlt. Vielleicht entdecken Sie auch heute ihren Taufspruch nochmal neu, als ein Hoffnungswort, dass Ihnen für den Lebensweg mitgeben ist und sie daran erinnert, dass sie den Weg nicht allein gehen. Gott steht uns zur Seite, ist selbst Mensch geworden und hat die ganze Tiefe und Verzweiflung des menschlichen Lebens selbst durchlebt, ja manches Mal durchlitten. Gott ist Mensch geworden – nicht einmalig an Weihnachten, sondern um uns ein Leben lang auf all den Wegen zu begleiten, die vor uns liegen, sowohl in den Zeiten des höchsten Glücks, aber auch in den Momenten der tiefsten Verzweiflung. In der Taufe wurde uns dies sichtbar zugesprochen und im Gebet, mit Bibelworten oder aber in unserer Gemeinschaft können wir diese Nähe Gottes erfahren und uns gegenseitig zusprechen.

Gott ist uns nahe, in allen Höhen und Tiefen des Lebens – dieses Hoffnungswort spreche ich uns heute zu, wenn wir auf Weihachten zurückschauen und den alltäglichen Herausforderungen des Lebens begegnen.

 

Amen.